Wittgenstein und Kafka: Die kaiserliche Botschaft in der Erzählung Franz Kafkas „Beim Bau der chinesischen Mauer“
DOI:
https://doi.org/10.26247/lexis.2890Περίληψη
Dieser Beitrag befasst sich mit Franz Kafkas Werk „Beim Bau der Chinesischen Mauer“. Das Werk verweist einerseits auf den Bau einer endlosen und zugleich lückenhaften Mauer, andererseits auf den unerschütterlichen Glauben des chinesischen Volkes an die Existenz eines allmächtigen Kaisers. Der einzelne Bewohner des weitläufigen chinesischen Reiches wird von Kindheit an durch den Bau der Großen Mauer geprägt und wartet vergeblich auf eine Botschaft, die der Legende nach vom Kaiser selbst an ihn gesandt wurde. Im Lichte der Philosophie Ludwig Wittgensteins untersucht Kafkas Werk die absolute Dominanz eines „Sprachspiels“, das das Leben des chinesischen Volkes über Generationen hinweg bestimmt hat. Die Regeln dieses „Sprachspiels“ sowie deren unreflektierte Befolgung verstärken die illusionäre Erwartung einer kaiserlichen Botschaft, die eines Tages selbst den entlegensten Bewohner erreichen soll. Der Name „Kaiser“ sichert dessen unzerstörbare Existenz in einer endlosen Gegenwart und begründet zugleich den freiwilligen Zwang des Bürger-Arbeiters, eine Mauer zu errichten – nicht als Grenze zwischen dem Volk und vermeintlichen Feinden, sondern vielmehr zwischen sich selbst und seiner Welt.