Friedrich Dürrenmatt und die Mythen
Antike Figuren im Spiegel der Moderne
DOI:
https://doi.org/10.26247/lexis.2923Abstract
Friedrich Dürrenmatt nutzt antike Mythen nicht als historische Erzählungen, sondern als Denkmodelle, um die Bedingungen des modernen Menschen zu reflektieren. In seinen literarischen und bildnerischen Arbeiten lassen sich vier zentrale Tendenzen erkennen.
Erstens kehrt er Rollen und Perspektiven um, indem er marginalisierte oder als bedrohlich wahrgenommene Figuren wie den Minotaurus oder die Pythia ins Zentrum rückt und vertraute mythologische Strukturen aufbricht. Zweitens vermenschlicht er die Figuren: Prometheus, Atlas, Sisyphos oder Leonidas erscheinen nicht mehr als übermenschliche Helden, sondern als verletzliche, scheiternde und beharrliche Existenzen. Drittens aktualisiert er die Mythen, indem er sie in moderne Kontexte überführt – etwa Midas als Industriellen oder das Labyrinth als Spiegellabyrinth. Viertens nutzt er mythische Figuren als theoretische Denkmodelle oder Identifikationsfiguren, etwa in der ‚schlimmstmöglichen Wendung‘, in welcher der Zufall das Schicksal ersetzt.
Dürrenmatt versteht die Moderne nicht als Gegenwelt zum Mythos, sondern als dessen Fortsetzung unter veränderten Bedingungen. Die Konflikte zwischen Freiheit und Zwang, Ordnung und Chaos oder Macht und Ohnmacht bleiben bestehen. Gerade deshalb behalten seine mythischen Modelle in einer globalisierten und technologisch beschleunigten Welt ihre Relevanz.